 
Das Portrait: Ko Ryoke, June 10, 2005
Autor: Volker Michael Kulturradio bei rbb (Rundfunk Berlin Brandenburg)

Klavierrezital "Das andere Klavier" Freitag, 10.06.2005 20:00Uhr (June 10, 2005) Kammermusiksaal der Philharmonie, Berlin
Programm: W.A. Mozart Sonate A-dur KV331
F.Schubert 4 Impromptus Op.90 R.Schumann Toccata Op.7 Sinfonische Etuden Op.13 Eintritt: 20 Euro, Ermaessigt 15 Euro
Vorverkauf:
030-31503862 (Art Works Berlin) 030-25488-132 (Philharmonie-Kasse)
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"Das Andere Klavier" June 17, 2004
Am Ausgangspunkt stand ein Fluegel, der voellig anders reagierte.
Dieser Fluegel hatte keinen deutlichen
Druckpunkt (einen kleinen Widerstand) in den Tasten und diese liessen sich enorm leicht bewegen. Man konnte am Tastengrund leicht den Ton repetieren und der Ton konnte,
nachdem der Ton angeschlagen wurde, lauter werden. (Prof. Margulis, einer der zwei Musiker, die mir diese andere Spielkultur gezeigt hatten, pflegte beim Unterricht uns
zu sagen, "Es stimmt nicht, dass der Ton vom Klavier nach dem Tonanfang immer nur leiser wird. ") Dieser Fluegel klang sehr rein, so dass man das Miteinanderresonieren der
Toene und dadurch die Farben der Harmonien klar hoeren konnte.
Mit diesem Fluegel zeigten mir zwei Kuenstler, Prof. Margulis aus Leningrad und Prof.Sabater aus Barcelona, die Musik von
einem voellig anderem Ausdruck. Obwohl sie in ihre, Stil sehr unterschiedlich waren, sie hatten einige gemeinsame Punkte: Man muss mit dem ganzen Gewicht auf der
Fingerspitze am Tastengrund bleiben, damit der Ton natuerlich weiter bis zum naechsten Ton lebt. Toene werden dadurch vollkommen gebunden. Und man muss mit dem
Instrument singen. Sogar Frau Sabater spielte feine, schnelle Passagen auch "wie du singst," wie sie immer zu sagen pflegte. Ich habe zum ersten Mal gesehen und verstanden,
dass man mit dem Klavier voll und ganz auf die selbe Weise wie beim Gesang singen kann.
Der Fluegel, den ich vor der Begegnung mit diesem Fluegel -- "dem anderen Klavier"
kannte, hatte einen deutlichen Druckpunkt in den Tasten. Beim Anschlagen zielte man auf diesen Punkt. Nach diesem Punkt, am Tastengrund geschah nichts mehr. Der Ton liess
nach den Anschlag immer nach.
Es ist alles voellig anders bei "dem anderen Klavier."
Das Pianoforte wurde im 1698 zum ersten Mal gebaut und es gab zwei Tasteninstrumente,
aus denen das Pianoforte konzipiert wurde: das Cembalo und das Clavichord.
Das Cembalo ist ein Zupfinstrument. Der Keil auf der anderen Seite der Tastatur zupft die
Saite auf dem Weg, wenn man die Taste nach unten drueckt. Es erzeugt den klangvollen, praechtigen Ton. Aber der Ton laesst immer nach und man kann nicht durch
Anschlagsarten dynamischen Unterschied zeigen.
Beim Clavichord schiebt der Tangent( ein duennes Metallblatt) auf der anderen Seite der
Tastatur die Saite nach oben, wenn man die Taste bis auf den Tastengrund drueckt. So kommt ein Ton zustande, der in einem grossen Raum zu schwach zu hoeren ist. Aber
solange der Tangent die Saite schiebt, klingt der Ton lebendig weiter. Wenn man mehr Druck auf den Tangenten gibt, wird der Ton verstaerkt. Auf dem Clavichord kann man musizieren wie man singt.
Das Pianoforte hatte in seiner Entwicklung zwei voellig unterschiedliche Mechaniken. Die englische Mechanik erzeugte kraftvollen Ton und Klang. Die Wiener Mechanik liess mit
leichtem Tastenanschlag Melodien geschmeidig singen. Bei der englischen Mechanik waren die Tasten sehr schwerfaellig. Klara Wieck schrieb aus Paris an Robert Schumann,
dass die Instrumente mit der englischen Mechanik sie schnell muede machten, weil sie sich an das Instrument der Wiener Mechanik mit leichtem Tastenanschlag gewoehnt hatte.
Der englischen Mechanik fehlte die Geschmeidigkeit, vor allem bei der Tonrepetation. Aber die Erfindung Sebastian Erards "Double-Escapement" machte sie langsam der Wiener
Mechanik ueberlegen. Die Erfindung ermoeglichte bei der englischen Mechanik, den Ton gleich danach repetieren. Man konnte nun auf dem Instrument der englischen Mechanik
mit "Double-Escapement" jede schnelle Passage spielen. Weitere zwei Erfindungen fuer die Saitenbespannung kamen noch dazu: Mehr Kraft durch den Gusseisen-Rahmen und
laengere Saiten durch die gekreuzte Bespannung. Das Instrument der englischen Mechanik klang noch voller und kraeftiger. Es vertrieb ab
der Mitte des 19. Jahrhunderts das Instrument der Wiener Mechanik vom Markt. Am Anfang des 20.Jahrhunderts wurden fast alle Pianoforte mit der englischen Mechanik gebaut.
Das klangsvolle, kraeftige und das leichte, singende, diese beiden Arten der Instrumente schien es immer in der Geschichte vom Tasteninstrument gegeben zu haben. Die beiden
Arten stellen verschiedene Aesthetiken dar und verlangen vom Spieler sicherlich voellig andere Spieltechniken. Im Prozess, die Wiener Mechanik aus dem Markt zu vertreiben,
soll die englische Mechanik die Moeglichkeit der Umregulierung gehabt haben, damit sie den Bedarf der Spieler der Wiener Mechanik entgegenkommen konnte.
"Das andere Klavier" mag die Kompromissloesung der englischen Mechanik gewesen sein, damit eine gewisse Tradition der Spieltechnik vom Clavichord und von der Wiener Mechanik
ueberleben konnte. Seit ich "Das andere Klavier" kennengelernt habe, sieht jedes Werk voellig anders aus.
Und je mehr ich mir diese Spielkultur aneigne, desto mehr neue Seiten zeigt die Musik.
Ko Ryoke
Klavierrecital "Das Andere Klavier" Donnerstag, 10. Juni 2004, 20 Uhr Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie
Das Programm: J.S.Bach: Partita Nr.1 B-dur BWV 825
L.v.Beethoven: Sonate Nr. 31 As-Dur Op.110 F. Chopin: 24 Preludes Op.28
Im Jahre 1976 stiess ich in Freiburg auf einen Fluegel, der ueberraschenderweise gaenzlich anders reagierte. Dies war der Ausgangspunkt in eine andere Welt: Eine alte Tradition des
Regulierens und des Stimmens konnte, die Kunst des Klavierspielens wiederbeleben. Die Musikwerke zeigen sich dadurch von einer voellig neuen Seite.
Seit zehn Jahren gebe ich Konzerte, bei denen ich die Werke in einer alten Spieltechnik interpretiere, wobei das Instrument in einen Zustand umreguliert wird, der dem der ersten
Haelfte des 20ten Jahrhunderts gleicht.
In diesem Konzert in der Philharmonie moechte ich diese alte, traditionelle Art des Klavierspielens vorstellen. <Ko Ryoke>  Ko Ryoke
Ko Ryoke wurde 1953 in Kobe/Japan geboren. Bereits in ihrer Heimat studierte sie bei
einem deutschen Professor 10 Jahre lang Klavier, bevor sie nach dieser sehr sorgfaltigen Grundausbildung an die Hochschule nach Detmold ging, wo sie ihr Klavierstudium bei Prof.
F.W. Schnur fortsetzte. Nach ihrer Teilnahme als Reprasentantin Detmolds am Hochschulwettbewerb 1976 in Freiburg wechselte sie nach dort, um mit Prof.V. Margulis und Prof. R. Sabater zu arbeiten.
Nachdem ein berufsbedingtes, gesundheitliches Problem sie jahrelang zum Verzicht auf das Klavierspielen gezwungen hatte, stellte sie ihre gesamte Spieltechnik vollig um und
baute sie neu auf. Zusammen mit der Ubernahme und Weiterentwicklung traditioneller Regulierungstechniken des Klaviers, wie sie zu Ende des 18. und zu Beginn des 19.
Jahrhunderts ublich waren und die heute zumindest in Deutschland kaum noch Beachtung finden, entwickelte Ky Ryoke ihre ganz eigene "andere" Spielkultur, deren Hauptanliegen
es ist, das Ausdrucks (und Klang-Spektrum des Klaviers) und damit auch vieler klassischer Werke (nuancenreicher, kantabler und plastischer zu machen).
Seit 1994 gibt Ky Ryoke unter dem Stichwort "Das andere Klavier" Konzerte in Japan und Deutschland.
Eintrittskarten: 20 Euro / ermaessigt 15 Euro Vorverkauf: BZ-Kartenservice (Tel. 01805-556656)
Kasse-Kammermusiksaal (Tel.030-254 88-232, ab 21.05.) Email: Ko Ryoke
TEL: 0761-80485 
Ko Ryoke, "Ein ratselhafter Flugel" Aus: "Musica Nova" (Ongakunotomo-sha, Tokio) Mai 1998 Letztes Jahr, vor einem Konzert in einem Museum in Nishinomiya, sagte der der
Klavierstimmer, der den Flugel fur mein Konzert umregulierte, sehr nachdenklich, das das aber vollig anders sei, als der ubliche Standard. Er reagierte auf meine Anweisungen
zuerst auch etwas unwillig, weil er meinte, der Flugel ware so schwieriger zu spielen. Ich gab ihm recht und erzahlte ihm, das ich selber mir auch nie hatte traumen lassen, so zu
spielen, bis ich auf "das Instrument" gestossen sei.
Es war vor etwa 20 Jahren, im Juni 1976. Ich war damals 23 Jahre alt und hatte gerade
zwei Jahre Klavier an der Detmolder Hochschule studiert, als ich als Reprasentant Detmolds nach Freiburg gesandt wurde, wo der Hochschulwettbewerb jenes Jahres
stattfand. Bei meiner Abreise sagte mein Lehrer, Prof.Schunurr, um mich zu ermutigen, "Mit Ihrem Pianissimo werden sie die Juroren bezaubern, es ist sehr schon."
Ich bin von Natur aus furchtlos, aber zum Wettbewerb war ich noch nicht ganz bereit.
Die Hochschule von Freiburg war damals in verschiedenen historischen Gebauden
untergebracht, und es war fur einen Fremden nicht leicht, den zugeteilten Ubungsraum zu finden. Im Zimmer, das ich nach langem Suchen endlich fand, stand ein Steinwayflugel,
der ziemlich abgenutzt aussah. Ich fing sofort an zu spielen, um die wegen der langen Reise verlorene Ubungszeit nachzuholen, und spurte sofort ein ganz fremdes Gefuhl - die
Tasten gingen ohne spurbaren Widerstand sehr schnell zum Grund.
Bei den Flugeln, die ich kannte, hatten die Tastaturen alle einen Punkt, an dem die Taste
unterwegs zum Grund einmal angehalten wurde. Nach meinem damaligen Verstandnis, muste an diesem Punkt der Druck fur ein "Forte" stark erhoht werden, wahrend sanfterer
Druck ein "Piano" erzeugte. Dieser Flugel ohne Anhaltspunkt in den Tasten verbluffe mich. Es war, als ob ich plotzlich auf ganz dunnem Eis gehen muste, wahrend ich bis dahin nur
auf einem steingepflasterten, festen Boden gegangen war.
Weil ich vollig verwirrt war, fragte ich alle Teilnehmer aus den anderen Hochschulen, ob
ihnen die Bewegung der Tasten nicht auch fremd sei, oder ob die Flugel an ihren Hochschulen ebenso wie der Flugel in Freiburg reagierte. Jeder antwortete, das die
Instrumente in Freiburg ein "bisschen anders," aber nicht unangenehm seien.
"Vielleicht liegt es daran, das ich noch nicht so weit bin...," dachte ich unruhig und ging
am nachsten Tag zum Saal, in dem die beiden Durchgange stattfanden.
Und der ziemlich neue Konzertflugel im Saal erschreckte mich richtig, als ich ihn zu
spielen begann. Er war viel agiler, als der Flugel im Ubungsraum, und meine Finger waren praktisch schon am Tastengrund, sobald sie nur die Oberflache der Tasten beruhrten. Es war furchtbar!
Ohne auch nur den geringsten Moment an mein "schones Pianissimo" denken zu konnen, kampfte ich mich durch und schaffte es knapp bis zum Ende. Ich hatte ein Gefuhl, als
hatte der Flugel mich einfach uber die Schulter geschleudert.
Das war mir unbegreiflich, und so horte ich den anderen Teilnehmern zu. Einige
bewunderte ich, weil sie ihre Programme gut vorbereitet hatten, aber bei keinem horte ich einen grossen Unterschied in der Lautstarke. Da war ich etwas beruhigt und dachte, das
auf diesem Flugel offensichtlich keine Dynamik moglich war.
Zufrieden mit der Losung dieses Ratsels ging ich am Abend zum Klavierabend von Prof.
Margulis aus Leningrad, der im gleichen Saal stattfand. Aber als das cis-moll Praludium aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers erklang, wurde mir klar, das meine
"Erkenntnis" uber diesen Flugel vollig falsch war.
Der ratselhafte Flugel mit seinen agilen, sensiblen Tasten konnte sowohl ein volles,
wohlklingendes Forte als auch ein feines ebenso wohlklingendes Piano erzeugen, wenn er richtig behandelt wurde. Und vor allem hatte dieser Flugel einen so reinen und feinen
Klang, wie ich ihn nie vorher erlebt hatte. "So ist der Flugel eigentlich!"
Ich wechselte zur Hochschule nach Freiburg, um bei Herrn Prof. Margulis zu studieren
und spater bei Frau Prof. Rosa Sabater, der Enkelschulerin von Enrique Granados.
Ich war von der Schonheit der von ihr gespielten Passagen vollig bezaubert, uber die sie
immer "wie du singst" zu sagen pflegte. Beim Zeichnen der spitzen-zarten, feinen Linien der Passagen schien mir der Flugel mit den sensiblen Tasten zu seiner vollen Geltung zu kommen.
Heute weis ich, das diese Regulierung des Klaviers bis zum zweiten Weltkrieg in Europa (und in der ganzen Welt) ublich war und das sie in einigen Metropolen wie z.B. in Paris
noch heute ublich ist.
Ich habe inzwischen diese Art des Regulierens und Stimmens des Instruments von Herrn
Hippe gelernt, eben dem 1914 geborenen Klavier-Stimmer, der fur das Ratsel um den Freiburger Flugel verantwortlich war.
Dieses Ratsel wurde also ziemlich weit geklart. Und umso tiefer wurde meine Uberzeugung, das diese Regulierung die wesentliche Gestalt des Instruments zeigt.
Aus: "Musica Nova" (Ongakunotomo-sha, Tokio) Mai 1998
"Eine reife Welt auf der Wiener Mechanik: Pianistin Ko Ryoke"
Jiro Kusano / Kobe-Zeitung 1997 Die die in Kobe geborene und jetzt in Freiburg lebende
Pianistin Ko Ryoke, gab zwei Klavierabende; den ersten Abend auf einem Steinway mit der Englischen Mechanik vom 1992, und den zweiten auf einem Streicher mit der Wiener Mechanik vom 1846.
Ich horte den zweiten Abend. Wenn man das Instrument mit den heutigen Konzertflugeln vergleicht, gibt es einen gewissen Unterschied im Volumen und im Glanz des Klanges: man konnte seinen Klang
vielleicht als "verstaubt" bezeichnen.
Aber wenn das Instrument sich in einem erstklassigen Zustand befindet und in einem Saal mit guter Akustik
von einem sachkundigen Interpreten gespielt wird, der damit umzugehen weis, ist die Musik, die sich aus diesem Instrument hervorzaubern last, ein Vergnugen der Sonderklasse.
Vor allem bei Schuberts vier Impromptus schien es mir, dass die reine Schonheit der Melodien, die von den weichen Klangen der Harmonie umgeben sind, nur auf diesem
Instrument adaequat wiedergegeben werden kann.
Und "Vier Klavierstuecke Op. 119" von Brahms, ein Juwel der Verinnerlichung, klang als
kame es aus groser Tiefe, einer innersten, reifen Welt.
Jiro Kusano / Kobe-Zeitung 1997 |